Was hilft, uns trotzdem nahe zu sein?
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Etwas tun

Leben in Zeiten von Corona

Vollbremsung – das ist es wohl, was viele durch den Shutdown aufgrund der Coronapandemie für ihr Leben empfinden. So ging es auch mir. Der Terminkalender ist plötzlich nichts mehr wert. Was da steht, interessiert nicht mehr, war vielleicht gestern wichtig, heute gelten andere Regeln.

Von 100 auf 0 ist für viele existenzbedrohend. Freie Künstler und Musiker sind betroffen, der Einzelhandel – sofern er nicht lebenserhaltende Waren verkauft -, die Gastronomie und Hotellerie.

Und Menschen müssen sich isolieren. Wer wie ich nicht alleine lebt, ist fein raus. Aber all die Menschen, die gerade fast komplett abgesondert von der Gesellschaft sind, weil ihnen vielleicht der Zugang zu modernen Medien fehlt, weil sie keine Familie oder Freunde haben, stehen vor großen persönlichen und psychischen Herausforderungen.

Mir kommt der Ruf nach der Ruhe, die man genießen soll, da ziemlich zynisch vor. Menschen geraten an ihr Existenzminimum, andere sind von sozialer Isolation bedroht – und ich soll mich ruhig auf mein Sofa legen und eine Netflix-Folge nach der anderen schauen? Oder etwas anspruchsvoller: endlich all die Bücher lesen, die ich schon immer lesen wollte?

Klar, man muss sich erstmal sortieren, erstmal sehen, was für ein Leben ist gerade eigentlich noch möglich? Dann kann man aber eigentlich schnell zu dem Schluss kommen, dass viele von uns Möglichkeiten haben, tätig zu werden.

Freundschaft geht gerade nur virtuell
Jeder für sich, aber doch alle verbunden

Um es an der Stelle klarzustellen und um Kommentaren vorzubeugen: Es gibt auch sehr viele Menschen, die derzeit an ihrer absoluten Belastungsgrenze arbeiten. Das weiß ich natürlich, bin dankbar und habe großen Respekt für ihre Leistung, aber darum geht es mir hier gerade nicht.

Ich bin in der glücklichen Lage, dass meine Einnahmen zum größten Teil aus einer Festanstellung und meiner Redaktionsarbeit kommen. Letztere ist natürlich nicht eingestellt und läuft weiter.

Meine Musikarbeit, meine Schreibkurse und ein zeitintensives Schulprojekt ruhen. Da ist Zeit, in der ich sonst Chorproben vorbereitet und geleitet hätte, Zeit, in der ich im Gottesdienst Orgel gespielt hätte, Zeit, in der ich mit Menschen geschrieben hätte, sie an ihre eigene Kreativität herangeführt hätte oder ihnen Schreibtechniken vermittelt hätte.

Diese Arbeit habe ich immer für eine überwiegend künstlerisch-musische gehalten, aber – und das habe ich bereits in dieser Krise gelernt – sie ist in einem viel höheren Maße sozial, als ich gedacht hätte. Was ich vor allem in den Chören tue, bringt Menschen zusammen, verschafft ihnen Zeiträume, in denen sie sich wohlfühlen können, gemeinsam an und für etwas arbeiten. Der Aspekt, sich regelmäßig zu treffen, sich auszutauschen und gemeinsame Ziele zu verfolgen, ist ein wichtigerer Faktor, als ich vor Corona jemals geglaubt hätte.

Chorgefühl in Zeiten von Corona
Wie ein Schattenchor fühlen wir uns derzeit.

Deshalb kann ich jeden Chorleiter verstehen, der versucht, irgendwie digital mit seinen Sängerinnen und Sängern in Kontakt zu bleiben und sogar online Chorproben aufzulegen, wenigstens in kleinem Format. Und das nicht nur, weil wir dadurch rechtfertigen, weiter Geld zu beziehen, das ist vor allem, weil wir spüren, wie wichtig diese Proben für alle sind. Die Reaktionen meines Gospelchores auf meine fünfminütige Probeneinheit und ein dreistimmig von mir eingesungenes Lied zum Mitsingen zuhause haben mir Tränen in die Augen getrieben.

Es ist wohl etwas dran, dass man sich in der Krise näher kommen kann – sogar beim Social Distancing.

Viel dramatischer finde ich aber, dass Kirchen geschlossen bleiben müssen. Der Zufluchtsort für viele Menschen, wenn sie in Not sind und Zuspruch brauchen! Dabei geht es gar nicht einmal primär um die Gottesdienste. Allein der Kirchenraum ist ja für viele – sogar für nicht unbedingt Gläubige – oft ein Zufluchts- und Andachtsort, gerade in Zeiten von Not und Sorge.

Social Distancing kann zu Vereinsamung führen.
Wir müssen verhindern, dass Senioren vereinsamen.

Wenn ich darüber nachdenke, was in diesen letzten Tagen der Zuspitzung der Krise Priorität für mich bekommen hat, bin ich durchaus etwas überrascht. Ganz schnell war da die Beschäftigung mit der Frage, wie ich daran mitarbeiten kann, Nähe in dieser Situation zu erzeugen . Mir selbst fällt das Distanzhalten unglaublich schwer. Mir fehlt es, Freunde in den Arm nehmen zu können, Menschen die Hand zu schütteln, überhaupt Menschen zu treffen.

Mein Arbeitsort Kirche war plötzlich in meinem Kopf so präsent wie lange nicht. Da ist Orgelspielen ein Job unter vielen. Aber jetzt? Bereits letzten Sonntag, als wir noch eine Andacht unter verstärkten Hygieneauflagen gefeiert haben (statt des geplanten Vorstellungs- und Taufgottesdienstes der Konfirmanden), war unserer Pastorin und mir klar: Da muss etwas passieren.

Wir haben es geschafft, in dieser Woche ein Andachtsformat aufzulegen, das heute online gegangen ist. Die vielen schönen Rückmeldungen zeigen, dass es das Richtige war. Mitgeholfen hat übrigens meine Tochter, deren Ausbildungsbetrieb, ein Hotel in Warnemünde, seine Pforten vorläufig schließen musste. Auch sie ist froh, eine Aufgabe zu haben, die in dieser Zeit sinnvoll ist.

Urlaub ist schön, aber das, was wir haben, ist kein Urlaub. Wir werden weitermachen. Es wird wieder eine Andacht geben. Und eine Chorprobe. Und ich werde nächste Woche allen Sängerinnen meines Seniorensingkreises einen Brief schreiben. Einige von ihnen sind alleinstehend und in dieser Zeit – oft noch ohne die digitalen Möglichkeiten – wirklich allein.

Und ich werde für das Kulturzentrum, bei dem ich ehrenamtlich arbeite und ein Schreibcafé betreibe, einen Schreibwettbewerb auflegen. Darüber könnt Ihr hier sicher bald mehr lesen.

Bis bald und bleibt/werdet gesund und wer kann, sollte darüber nachdenken, wo er/sie tätig werden kann, um die Auswirkungen der Krise zu minimieren.

Ich schreibe, wenn ich etwas zum Schreiben habe
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Wenn man nicht so oft kann – oder will …

Vom Schreiben, Nicht-schreiben und Datenmüll

Bloggen funktioniert nur, wenn man kontinuierlich veröffentlicht, heißt es in einschlägigen Ratgebern. Mehrere Beiträge pro Woche sollten es sein, regelmäßige Sichtbarkeit ist die Basis für den Erfolg. Sonst verlieren die Abonnenten schnell das Interesse, heißt es. Sie brauchen Futter, sonst vergessen sie einen.

Das mag ja alles sein. Aber …
Was ist, wenn ich nicht mehr Zeit habe?
Was ist, wenn ich nicht mehr Themen habe, die es sich lohnt, anderen in Textform darzubieten?
Textmüll gibt es schließlich genug. Womit wird man nicht alles zugespammt? Wie oft klicke ich Texte schnell wieder weg: Nicht relevant – oder noch schlimmer: Falsch in Inhalt und – für mich ebenso furchtbar – Sprache. Ich weiß ja nicht, ob es anderen auch so geht, aber bei mir macht sich oft der Überdruss breit. Alles ist zu viel da. Das gilt insbesondere für das World Wide Web. Beispiel Facebook. Ich habe mehrere Seiten abonnniert, die mich interessieren. Was passiert: Oft genug kann ich das Gleiche auf mehreren Seiten lesen, manchmal genau denselben Artikel, weil einfach nur geteilt wird.
Und wenn ein Thema denn mal im Fokus ist, kann man alles Mögliche und Unmögliche dazu erfahren.

Nicht, dass es immer um Erkenntnisgewinn geht. Es geht oft genung nur um Klicks für die eigene Seite. Keyword in die Headline oder den Teaser und schon wird geklickt. Und was sehe ich dann? Einen vollkommen irrelevanten Beitrag oder eine vollkommen sinnlose Umfrage (manchmal mit dem Hintergedanken, neue Abonnenten zu gewinnen). Führt mich der Klick auf das Keyword zu einem Anmeldeportal, bei dem ich erst meine Daten lassen oder zumindest ein Konto einrichten muss, bin ich gleich wieder weg.

Wie oft sollte man schreiben?

Und dann die schiere Menge: Wie viele Seiten soll ich denn noch im Blick haben? Die Datenmenge ist gleichzeitig völlig unüberschaubar und doch vorhersebar. Denn jeder dieser Accounts zu einem meiner favorisierten Themen festigt meine eigene Filterblase. Das ist durchaus erschreckend. Habe ich Vorlieben, werden diese bedient, klicke ich immer in eine bestimmte Richtung, bekomme ich mehr dazu angeboten.

Gut, dass ich von Berufs wegen in sehr unterschiedliche Richtungen am PC recherchiere und lese! Da kommen immer wieder andere Themen in mein persönliches Profil . So verunsichere ich die Rechenmaschine wenigstens ein bisschen. Zumindest hoffe ich das und das beruhigt mich ein wenig.

Bei all diesen Gedanken und Bedenken schreibe ich auch noch einen eigenen Blog! Natürlich spreche ich damit Menschen an, die sich von meinem Themenangebot angezogen fühlen. Ich schreibe nun mal gerne – wie viele, die in diesem Geschäft unterwegs sind. Aber ich schreibe nur, wenn ich wirklich etwas zu schreiben habe. Einfach nur schreiben, um in Netz präsent zu sein, das ist nicht mein Ding. Und deswegen gibt es bei mir mitunter lange Blog-Pausen. Sicher: meine Klick- und Abonenntenzahlen erhöht das nicht unbedingt. Aber das ist mir egal. Ich freue mich über meine treuen und über meine neuen Leserinnen und Leser.

Es ist schön, dass darunter auch Menschen sind, die mich persönlich kennen aus meinen Kursen oder vielleicht auch als Buchautorin. Denn Bloggen ist etwas, das meine Arbeit als Autorin, Lektorin und Schreibtrainerin nur ergänzt. Gedanken, die sonst keinen Ort finden, einmal formuliert zu werden. Oder Projekte, die keinen anderen Raum finden. Oder Erfahrungen aus meiner Arbeit.

Wenn ich also nicht so oft kann – oder will -, so hat das durchaus auch Kalkül. Ich möchte mit meinen Texten Freude machen – oder auch mal zum Nachdenken anregen. Ich möchte, dass das Lesen Vergnügen macht, weil ich – hoffentlich – ansprechend schreibe.
In diesem Sinne schließe ich den Blogbeitrag mit dem Rat: Lest, was euch gefällt, aber klickt auch mal weg, was euch nicht gefällt.

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Literarisches Terzett

Schreiben ist die eine Sache. Die kann ich und bin relativ gut darin, sie quasi öffentlich zu praktizieren. Doch nun soll es ums Lesen gehen. Natürlich bin ich eine begeisterte Leserin und natürlich hole ich mir für meine Schreibkurse viel Anregung aus Büchern. Und ebenso natürlich begeistere ich andere für das Lesen. Das hier ist aber nun ein etwas anderes Format.

Nun soll also für Publikum gelesen werden – bzw. über das Lesen gesprochen werden. Frei nach den großen Vorbildern, dem Literarischen Quartett, Lesenswert und wie sie alle heißen. Unser Kulturzentrum in Reinstorf bekommt ein Literarisches Terzett. Drei Buch- und Lesebeisterte, die sich nichts Schöneres vorstellen können, als auf der Bühne zu sitzen und sich über ihre Lieblingsbücher zu unterhalten, wenn es sein muss, ein Plädoyer zu halten. Öffentlich. Mit Publikum.

Das Literarische Terzett Reinstorf startet im One World
Drei Bücher, drei Frauen, drei Meinungen: Das Literarische Terzett Reinstorf geht an den Start.

Na ja, wir sind alle bühnenerfahren. Eine Schauspielerin, eine gestandene Theaterfrau mit Erfahrung hinter, vor und auf der Bühne und meine Wenigkeit: Autorin, Schreibtrainerin, Lektorin. Die Welt des Lesens ist die unsere. Und sie soll die unserer Gäste sein. Die Bücher haben wir ausgewählt. Keine von uns hat sich leichtgetan damit. Was passt? Wie wird es abwechslungsreich? Was ist noch nicht abgedroschen? Und worüber kann ich gut reden?

In der Freizeit lese ich zum Vergnügen

Und tatsächlich kennt keiner die Titel der anderen bisher. Von einem habe ich gehört, es aber noch nicht gelesen. Das ist jetzt die Aufgabe des Sommers: Die Buchvorschläge der beiden anderen durchzuarbeiten. Aber wie macht man das? Wie genau muss ich lesen? Normalerweise lese ich entweder beruflich, also im Lektorat. Das bedeutet, sehr langsam, sehr kritisch, sehr detailorientiert zu lesen – und zu entscheiden, wo es Verbesserungsbedarf gibt. Privat bin ich Vergnügungsleserin. Ich lege Wert auf gut geschriebene Bücher mit einer gut erzählten Geschichte. Aber ansonsten bin ich offen. Das Buch muss mich fesseln, mich in seine Welt hineinziehen. Wenn das gelingt, ist es ein Lesevergnügen für mich.

Natürlich ist mein Auswahlbuch eines, das nicht nur ich verschlungen habe, sondern das auch mich verschlungen hat. Aber das ist ein Satz. Das reicht nicht auf der Bühne, um den anderen meine Literatur schmackhaft zu machen und zu beweisen, dass es ein fantastisches Buch ist, das man unbedingt lesen sollte. Also heißt es analytisch lesen. Aber nicht als Lektorin. Ich will ja nicht , dass das Buch überarbeitet wird, sondern will seine Qualitäten herausstellen.

Beeindruckende verlorene Dinge
Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste – ein Buch, das mich gefesselt hat.

Worauf also achte ich? – Worum es geht, ist natürlich die erste Frage, die zu klären ist. Die Zuschauer haben ja möglicherweise das Buch nicht gelesen. Also eine Vorstellung des Inhalts, eventuell der Autorin und dann geht es auch schon los mit den Besonderheiten. Für mein Buch (Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste) ist die Idee hinter dem Buch ziemlich wichtig. Und seine Struktur. Es gibt keine zusammenhängende Handlung, sondern nur den roten Faden, die Idee, an der vollkommen voneinander losgelöste Texte hängen.

Kreatives Schreiben als Kunst

Jeder hat eine andere Herangehensweise, eine andere Erzählperspektive. Was Schalansky macht, ist kreatives Schreiben pur – wenn auch natürlich hervorragend recherchiert und vorbereitet: Ein Thema sucht nach einer adäquaten Darstellungsform und die scheint fast komplett assoziativ zu sein. „Mal sehen, was da so entsteht“, scheint sich die Autorin gesagt zu haben. Entstanden ist eine Mischung aus Reisebericht, Fiktion, aus Tagebuch und journalistischer Recherche. Spannend, überraschend, geheimnisvoll und ein bisschen melancholisch.

Die Bücher der beiden anderen werde ich erst anfangen zu lesen. Außer den Klappentexten weiß ich noch nicht viel. Eines ist über Simone de Beauvoir und das andere ist die Geschichte einer Zwangsarbeiterin im Dritten Reich. Lassen wir uns also überraschen. Das wird bestimmt spannend und hoffentlich auch ein bisschen kontrovers. Und vielleicht finden wir ja Gefallen daran – und das Publikum auch – und machen das öfter.

Schreiben im Café kann sehr inspirierend sein.
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Schreiben im Café

Schreiben im Café ist für viele Schriftsteller gar keine so außergewöhnliche Situation. Auch wenn vielleicht nicht der nächste Roman oder ein wohldurchdachter Essay dort entstehen, so ist das Café doch ein Ort der Inspiration. Es ist ein Ort der Privatheit im Öffentlichen. Ich kann anonym bleiben, quasi unsichtbar – vielleicht nur scheinbar – dabei aber andere Menschen in ihrer ebenso gefühlten Privatheit beobachten. Das Café eignet sich besser dafür als ein Restaurant, weil nicht der Verzehr im Vordergrund steht. Ich kann mich stundenlang an einer Tassee Kaffee festhalten, ohne dass es weiter auffällt. Auch das Befüllen eines Notizbuches oder das Tippen auf einem Laptop sind in einem Café kaum größere Aufmerksamkeit wert. Dafür kann ich beobachten, Stimmungen aufnehmen, Situationen erfassen oder einfach die Gedanken greiben lassen. Es fällt auch nicht weiter auf, allein im Café zu sitzen, womit ich in einem Restaurant oder gar einer Kneipe durchaus Aufmerksamkeit auf mich ziehen würde.

Cafés sind Orte für Notate, Mitschriften, Gedankensplitter – oder auch das ein oder andere Gedicht. Tagebücher wie mein „Daheim und Unterwegs“ lassen sich hervorragend befüllen mit Eindrücken, Zeichnungen, eingeklebten Schnipseln und einem kleinen Situations-Haiku. Beim späteren Durchblättern sorgen sie für genussvolle Momente des Erinnerns an gelebte zwei Stunden voller Intesität, mit wachem Geist oder voller Entspannung, weil nichts entstehen muss, aber alles werden kann.

Ab kommenden Sonntag biete ich regelmäßig ein Schreibcafé im Kulturzentrum ONE WORLD im Alten Gasthaus in Reinstorf an. Das ist natürlich nicht der anonyme Raum eines mehr oder weniger zufälligen Cafébesuchs. Dennoch: Keiner der Teilnehmer dieses offenen Schreibtreffs weiß, wem er begegnet. Die Atmosphäre des historischen Hauses ist inspirierend. Und die zwei Stunden Zeit zum Schreiben, zum Ausprobieren, zum fantasievollen Fabulieren sind ein wunderbarer Schritt aus dem Alltag heraus in eine kreative Auszeit.


Die Kaffeepause ist Gold wert.
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Selbst und ständig oder frei?

Als freiberuflich arbeitende Lektorin (und Autorin und Musikerin) habe ich so meine Erfahrungen mit der Selbständigkeit gemacht. Dass Selbständigkeit bedeutet „selbst und ständig“ zu arbeiten, ist in der Tat nicht von der Hand zu weisen. Immer gibt es etwas zu tun. Ich muss Termine einhalten, ich muss mich um die Werbung kümmern, ich muss einen kleinen Auftrag einschieben, ich muss mich um die Internetpräsenz kümmern, den Datenschutz, schnell noch eine paar E-Mails beantworten und einen Kunden, der Fragen hat mal schnell noch am Wochenende zufriedenstellen.

Muss ich?
Natürlich muss ich Vieles tun. Während ich in einer angestellten Tätigkeit eine Jobbeschreibung habe, die vor allem meine Kernkompetenzen umfasst – dafür bin ich schließlich eingestellt worden – bedeutet Selbständigkeit, auch die Dinge zu tun, die in einem Unternehmen vielleicht einem Kollegen zufallen. Ich muss mich als Selbständige von A bis Z um alles kümmern, von der Steuer bis zur Werbeanzeige, von Akquise bis zur Rechnungsstellung.

Das ist oft eine ziemliche Herausforderung, denn ich bin nicht in allem gleich gut. Richtig gut bin ich natürlich in meinem Fach, dem Lektorat und dem Schreiben. Schwerer fällt mir die Kundenakquise. Und die Buchhaltung gehört auch nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, während alles Kreative mir viel Spaß macht.

Dennoch empfinde ich es als Bereicherung für mein Leben, all diese Dinge machen zu dürfen. Ich habe Verantwortung von Anfang bis Ende meines Arbeitsprozesses. Ich arbeite nicht nur zu, sondern suche mir die Projekte aus, betreue die Kunden, und sehe am Ende das Geld auf meinem Konto. Eine lückenlose Wertschöpfungskette in voller Verantwortung. Vielleicht muss man das mögen – mir gefällt’s. Das heißt manchmal auch Arbeit zu ungewöhnlichen Zeiten, außerhalb der Geschäftszeiten ansprechbar zu sein, aber das ist selbstgewählt.

Die Freiheit, nein zu sagen

Auch wenn Vieles muss, so habe ich doch meine Freiheiten: Ich kann meine Projekte selber planen und mich kreativ ausleben. Ich kann meine berufliche Ausrichtung steuern, ändern, gewichten. Ich kann zu einem Autor auch mal „nein“ sagen, weil er mir nicht zusagt. Ich muss einen Auftrag nicht annehmen und ich bestimme – in gewissen Grenzen – selbst die Zeit, die ich dafür einplane.

Ich gebe zu: Es ist nicht ganz leicht, aber ich habe gelernt, zumindest hin und wieder nein zu sagen. „Können wir Samstag telefonieren?“, beantworte ich schlicht und ergreifend mit „nein“, auch wenn mein Terminkalender weiß wie Schnee ist. Ich habe nämlich beschlossen, dass samstags Familientag ist. Das gilt auch für andere Zeiten, die mir heilig sind. Warum soll ich immer können? Niemand hat die Hoheit über meinen Kalender außer mir.

Mittlerweile koordiniere ich meine Zeiten mit denen meines Mannes. Wir planen gemeinsame freie Zeit ein, aber wenn er einen dringenden Termin hat, dann überlege ich, zu der Zeit auch zu arbeiten, sogar wenn es am Abend oder am Wochenende ist. Das verschafft uns gemeinsame Freizeit.

Freizeit einplanen

Früher war gemeinsame Freizeit ein echtes Problem. Ich hatte viele Abendtermine. Das hat zu Unzufriedenheit und Spannungen geführt. Als uns das klar wurde, habe ich meine Arbeit umstrukturiert (das war bei mir gut möglich, bei ihm – er ist Lehrer –  nicht so gut). Das hat uns als Paar, damals auch noch als Familie mit Kindern zuhause, deutlich entspannt. Wir konnten abends gemeinsam essen, reden, ich musste nicht gleich wieder los. Dafür ist an die Stelle gemeinsame Aktivität getreten. Das genießen wir sehr.

Das ist alles natürlich nicht immer leicht. Im Moment bin ich auch wieder in einer Phase, in der ich pausenlos arbeiten könnte. Merke ich, dass es mal wieder reicht und ich dringend eine Pause brauche, dann mache ich den PC komplett aus und schließe die Tür zu meinem Arbeitszimmer.

Ein wichtiger Punkt ist aber auch, nicht das Smartphone stattdessen zu bemühen und doch schnell noch E-Mails zu lesen oder die Kollegengruppe auf Facebook zu besuchen. Manchmal bin ich in solch einem Strudel. Dann hilft es nur noch, das Handy komplett aus dem Wohnzimmer zu verbannen. Es geht. Und es fühlt sich sogar gut an und befreit. Im Sommer aber, da ist es gar nicht so schwer: Da gehe ich in den Garten und vergesse die Zeit – und die Arbeit.

 

 

 

 

Schreiben macht auch im Urlaub Spaß
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Urlaub vom Schreiben?

Du schreibst? – Und was machst du beruflich? Diese Frage dürften viele Autoren kennen. Schreiben als Arbeit wird nicht unbedingt ernstgenommen. Kaum jemand kann sich vorstellen, wie die Arbeit als Autorin wirklich aussieht. Und dennoch ist der Schreibprozess sogar ziemlich harte Arbeit.

Geschichten, Romane, Gedichte, all das entsteht nur sehr selten in einem beglückenden Flow, an dessen Ende das fertige Werk präsentiert werden kann. Natürlich gibt es solche Phasen. Aber die Realität sind strenge Diszplin und eine überdurchschnittliche Gabe zur Selbstkritik – in der Lektoratsphase auch die Gabe, Kritik annehmen zukönnen. Darüber hinaus ist der Erfolg nicht unbedingt von der Qulität der eigenen Leistung abhängig, was eine hohe Frustrationstoleranz erfordert.

Aber davon will ich eigentlich gar nicht schreiben, das ist ein anderes Thema. Mich beschäftigt mal wieder der Zeitpunkt des Schreibens. Denn zumindest für mich kann ich festhalten, dass Schreiben Teil meiner Arbeit ist. Da ich aber damit nicht unbedingt das meiste Geld verdiene, kommen oft meine anderen Arbeitsbereiche Lektorat und Musik an erster Stelle. Dabei ist Schreiben aber der Teil meiner Arbeit, der mir am meisten Spaß macht, so dass ich das auch im Ehrenamt tue, also nebenbei in meiner Freizeit. Mir ist es nämlich eigentlich fast egal, ob ich damit profitabel bin, also schreibe ich Artikel für den Gemeindebrief und betreue demnächst auch noch die Pressearbeit des Vereins OneWorld.

Ich schreibe einfach gerne

Ich schreibe also zwangsläufig in meiner Freizeit. Auch das Blogschreiben gehört dazu. Natürlich hoffe ich, dass auch mal der ein oder andere mich hier entdeckt, meine Homepage aufsucht und findet, dass ich genau die richtige Lektorin für sein eigenes Buchprojekt bin. Aber das ist nicht der erste Beweggrund, ich schreibe wirklich, weil ich schreiben will. Und es ist mir fast egal, was ich schreibe. Mir gefällt es einfach, Worte zu setzen. Eben: Schreiben treiben. So richtig.

Manchmal aber stellt sich dennoch die Frage, ob es auch Urlaub vom Schreiben geben muss. Es gibt Tage, da schreibe ich nicht, also zumindest nichts, was über Einkaufszettel hinausgeht – meine Textvorschläge im Rahmen von Lektorat und Redaktion lasse ich einmal außen vor. Meistens ist es dann schon so, dass ich mich freue, wieder etwas formulieren zu dürfen.

Aber nehmen wir einmal den Urlaub: Ist das Schreiben eines Reiseblogs noch Urlaub oder schon Verpflichtung?

Reiseblogger brauchen bestimmt Urlaub vom Urlaub
Wird das Schreiben im Urlaub sauer?

Ist es Stress zu wissen, dass man noch etwas schreiben muss? Und läuft das dann dem Ziel der Erholung nicht entgegen? Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich würde eine Deadline, ein Abgabetermin oder sonstiges wirklich zu Druck führen, der nichts mehr mit Urlaub zu tun hat. Ich bin der Überzeugung, dass professionelle Reiseblogger ihre Reisen als Arbeit verstehen. Vielleicht haben sie den Wunsch einmal Urlaub vom Urlaub zu machen.

Die Arbeit macht Urlaub – das Schreiben nicht

Schreibe ich aber nur für mein Vergnügen, weil mir etwas gut gefällt, weil ich Lust habe, schreibend über etwas nachzudenken, kann ich das auch im Urlaub tun. Das ist keine Arbeit. – Das Gleiche gilt auch für das Lesen. Immerhin lese ich beruflich. Trotzdem ist mir das gute Buch im Liegestuhl unter dem Sonnenschirm ein Vergnügen, ganz ohne Hintergedanken und ganz bestimmt ohne das Gefühl von Arbeit.

Ich werde also keinen Urlaub vom Schreiben machen, mir aber gut überlegen, was ich schreibe. Die Arbeit an den beiden Buchprojekten, die ganz klar in die Kategorie Arbeit fallen,  wird wohl drei Wochen ruhen, der Blog wird es nicht und vielleicht auch nicht mein Schreiben am eigenen Roman oder an Gedichten. Letztere fallen ohnehin meist in mein Leben, ohne dass ich das vorher plane.

Es bleibt also abzuwarten, was der Sommer bringt. Dennoch sollte es auch die Zeit geben, in der nichts geschehen muss, die Gedanken einfach schweifen, oder – worauf ich mich auch freue, endlich ein paar Gartenprojekte umgesetzt werden. Vielleicht schreibe ich ja darüber.

Ein Schritt reicht für eine Spur im Sand.
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Der erste Schritt

Manches in unserer Welt läuft nicht gerade zum Besten. Darüber kann man verzweifeln oder resignieren. Immer nach dem Motto: Ich kann ohnehin nichts ausrichten und verantwortlich sind sowieso die anderen.

Man kann aber auch versuchen, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten, Dinge zu verändern. Denn wenn nie jemand irgendwann den ersten Schritt tut, dann wird es keine Veränderung geben. Es braucht immer den Impuls, loszugehen, sonst kann man keine Reise beginnen.

Das gilt auch beim Thema Umweltverschmutzung. Natürlich ist ohne große Lösungen kaum eine schnelle Beseitigung der weltweiten Probleme zu erwarten. Aber viele kleine Maßnahmen werden zusammengenommen eine große.

Der in den letzten Wochen viel diskutierte Plastikmüll ist in unserer Familie schon lange ein Thema. Besonders seit meine Tochter ein Freiwilliges Ökologisches Jahr absolviert hat, haben wir an vielen Stellschrauben gedreht und unseren privaten Plastikmüll deutlich reduziert.

Neben vielen anderen Dingen verzichten wir zuhause auf Taschentücher in Plastiktaschen, sondern benutzen die Großpackungen in Pappschachteln. Das Problem war aber unser Taschentuchbedarf unterwegs. Bisher haben wir dafür weiter die kleinen Plastikpäckchen gekauft.

Das war unbefriedigend. Also haben meine Tochter und ich uns vor ein paar Wochen auf die Suche nach einer Lösung gemacht: Taschentüchertaschen. Es gibt verschiedene Modelle, eines hat uns überzeugt, weil es leicht nachzufüllen ist mit den losen Taschentüchern und weil es wirklich einfach in der Herstellung ist.  Das Ergebnis hat meine Tochter auf ihrem Blog Plasticgeneration anschaulich vorgestellt.

Nicht nur alle Mitglieder unserer Familie haben mittlerweile diese Taschen, sondern die Idee trägt schon Früchte bis in den Freundeskreis. Jeder einzelne trägt dazu bei, dass etwas weniger Plastik gekauft wird und später in den Müll wandert.

Natürlich braucht es mehr. Aber jeder kleine Schritt stößt auch einen Denkprozess an. Es bleibt vielleicht nicht bei den Taschentüchern. Vielleicht denkt manch einer darüber nach, wo welche Verpackungen nötig sind, verzichtet darauf und greift auch mal zu einem anderen Produkt.

Tun das sehr viele, dann wird das zu einem Umdenken führen und zwingt auch die Großen, in dem Fall die Industrie, sich neuen Forderungen zu stellen. Zugegeben, noch ist das Utopie – aber vielleicht doch nicht. Immerhin steigt das Bewusstsein für diese Themen merklich.

 

Der Wert eines Menschen
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„Der Mensch ist unterbewertet“

Der zerstreute, menschenscheue, exzentrische aber von sich selbst überzeugte geniale Erfinder in seinem Labor –  so oder so ähnlich hat sich bestimmt schon so mancher einen großen Entdeckergeist vorgestellt. Elon Musk kommt dem meiner Vorstellung nach ziemlich nahe. Ich weiß natürlich nicht, wie er wirklich ist. Aber das Bild, das er selbst von sich selbst zeichnet, ist schon ein spezielles.

Ein Visionär ist Elon Musk ohne Frage. Sein Raumfahrtunternehmen SpaceX und das Elektromobil Tesla zum Beispiel sind zukunftsweisend und verändern ganz ohne Frage die Sicht auf das, was möglich ist in der Zukunft.

Dass der Mensch nicht gerade eine herausragende Rolle in Musks Welt spielt, konnte man hie und da schon lesen, wenn etwa Mitarbeiter über die Bedingungen in seinen Werken klagen.

Nun hat Elon Musk mal wieder einen Spruch rausgehauen: „Der Mensch ist unterbewertet.“ Was soll das heißen? Ich habe nachgelesen. Natürlich hat es mit den Produktionsabläufen zu tun. Die Technik will nicht so wie Musk. Da darf der Mensch wieder ran. Genaugenommen hat Musk also nicht die Menschen unterbewertet, sondern die gegenwärtige Technik überbewertet.

An Musks über Twitter in die Welt geschickten Spruch wird aber etwas Grundsätzliches im Umgang mit Menschen in der Arbeitswelt deutlich: Sie sind Werkzeuge für ein ökonomisches Ziel. Dasjenige, das besser funktioniert, wird eingesetzt. Genauso agiert Elon Musk und mit ihm viele andere.

Es geht nicht um den Menschen. Musk ist nicht zum Philanthropen mutiert und hat festgestellt, dass die Zukunft der Welt davon abhängt, die Leistung von Menschen wertzuschätzen. Er sieht seine Produktionszahlen in Gefahr. Die vorbestellten 400.000 Tesla Model 3 müssen irgendwie so schnell wie möglich an den Kunden.

Dennoch konstatiert seine Aussage, dass der Mensch einen Wert hat.
Nun gibt es keinen Wert an sich. Ein Wert ist immer eine Nenngröße, etwas, das definiert werden muss. Es gibt beispielsweise ethische Werte, die Ausdruck für unser Verständnis von Menschsein sind und das Zusammenleben der Menschen regeln. Auch diese Werte existieren nur in Übereinkunft vieler.

Dass es darum gehen könnte, legt aber der Kontext nicht nahe. Der Wert der Menschen in Musks Tweet ist rein wirtschaftlicher Natur. Wie eine Aktie, die bewertet wird oder ein Wirtschaftsgut. Eine Größe, die sich bemisst an ihrem Nutzen oder ihrem Marktwert. Das kann sich jederzeit ändern. Und so könnte es leicht bald wieder heißen, wenn etwa die Technisierung oder Digitalisierung erfolgreich Arbeitsprozesse übernimmt: „Der Mensch ist überbewertet.“

Auch ethische Werte wandeln sich. Das hat mit der Veränderung von Gesellschaften zu tun. Anders aber als eine Größe in einem ökonomischen System wird der ethische Wert von den Betroffenen, also den Menschen selber verhandelt. Die Definition der ethischen Werte ist Bestandteil des menschlichen Selbstverständnisses. Wirtschaftliche Werte gehorchen externen Gesetzmäßigkeiten wie dem Markt oder Arbeitsprozessen. Für sich genommen bedeuten sie nichts und können bis zur Wertlosigkeit führen.

Nun kann man Musk eines zugute halten: Er hat natürlich nicht das deutsche Wort „unterbewertet“ verwendet, sondern das englische: „underrated“.  Doch das macht es nicht besser. Wir alle kennen Rating-Systeme, etwa in Banken bei der Kreditvergabe. Nicht das Vertrauen – das ein ethischer Wert wäre – spielt hier eine Rolle bei der Betrachtung von Menschen, sondern lediglich ein nach Algorithmen errechneter Risikofaktor. Traurige Welt.  Immerhin sind die Rechenexempel, nach denen da gerankt wird, von Menschen erdacht. Und so entwertet der Mensch sich darin selbst. Und braucht dazu nicht einmal Elon Musk.